Jahresbericht der Direktorin Anita Hugi zu den 55. Solothurner Filmtagen 2019/20

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Die 55.Solothurner Filmtage standen im Zeichen der Begegnung und des Aufbruchs: über die Sprachgrenzen und Generationen hinweg, quer durch alle Filmgenres und Erzählformen und im Austausch der Landesteile.

21 Debütfilme und 21 Premieren prägtendas Programm. Erstmals wurde in den kurzen und mittellangen Filmen eine Geschlechter-Parität bei den Regieperso- nen erreicht. Zum ersten Mal fand in Solothurn ein Fest der Filmhochschulen statt – zum ersten Mal erweiterten wir dabei auch das Terrain: Die Sektion «Upcoming» bespielte für einen Tag das ehemalige Industrieareal Attisholz.

Die 55. Solothurner Filmtage waren dabei auch meine ersten als Direktorin, nach- dem ich das Festival in den letzten 20 Jahren aus der Perspektive der Produzentin und Regisseurin besucht habe. Das Festival übernahm ich am 1. August von Seraina Rohrer. Schon vor meinem Amtsantritt bereiteten meine Vorgängerin und ich im Juli die Übergabe vor. So war ich am 1. August bestens gewap- pnet, um voll einzusteigen.

Bereits am Filmfestival in Locarno fanden viele Gespräche mit Filmschaf- fenden und Institutionen hinsichtlich der kommenden Filmtage statt. Mitte August erfolgte die Ausschreibung zu den
55. Solothurner Filmtagen. 626 aktuelle Schweizer Filme wurden eingereicht, im Oktober visioniert und im November programmiert. Gleichzeitig bereiteten wir die Retrospektiven und Rahmen- programme sowie die Durchführung der kommenden 55. Ausgabe vor, die – im Rückblick – eine sehr erfolgreiche werden sollte.

Die 55. Solothurner Filmtage erreichten 66’332 Eintritte (+1’361 im Vorjahres- vergleich). Mit 10’969 Eintritten war der Freitag der stärkste der Festivalge- schichte. Seit 2013 gab es gemäss Publi- kumsbefragung erstmals wieder eine Steigerung bei der jüngsten Besucher- gruppe und 98% der Befragten gaben an, nächstes Jahr wieder kommen zu wollen.

Der grosse Zuspruch des Publikums beruht meines Erachtens auf drei Pfeilern: dem starken und vielseitigen Programm, den starken und treuen Partnern, dem kompetenten und zuvor- kommenden Team.

Feierlich eröffnet wurden die 55. Solo- thurner Filmtage mit der Uraufführungdes Spielfilms «Moskau Einfach!» vonMicha Lewinsky, der mit Verve und einer zwei Monate später mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichneten Schauspiel- leistung von Miriam Stein einen Schwei- zer Bespitzelungsskandal aufgreift: die Fichenaffäre.

«Tradition bewahren, Zukunft gestalten» ist mein Credo. Die Zukunft gestalten bedeutet für mich auch, dem jungen Publikum und Filmschaffen Raum zu geben. Der Blick zurück und nach vorn: Hierzu gehört auch die Initiative der Solothurner Filmtage der Online-Editionfilmo, die 2019 startete und Schlüssel­werke des Schweizer Films digital und in drei Sprachen zugänglich macht.

An den 55. Solothurner Filmtagen wurden der neue «Pacte de l’audiovisuel» unterzeichnet, eine Lohnstudie zu Film- regie diskutiert und Wikipedia-Einträge zu Frauen im Film verfasst. Nobel- preisträger Jacques Dubochet war zu Gast und Stadtpräsident Kurt Fluriempfing die Stadtregierung von La Chaux-de-Fonds.

Der Film als Mittel der Begegnung und des Gesprächs: Dies stand auch im Zeichen des «Prix de Soleure», der an den Debütfilm von Boutheyna Bouslama«A la recherche de l’homme à la camera» ging und der nach der Kraft der Bilder fragt: Der Kraft der Bilder gegen den Krieg in Syrien, der viele Filme beschäftigte. Vielschichtig und aktuell ist auch der Gewinner des «PRIX DU PUBLIC»: Samirs «Baghdad in my Shadow», der wie viele Filme in der diesjährigen Werk- schau ein Jahrzehnt Produktionszeit bedurfte. Aufbruch hat manchmal eine lange Geschichte. Bei den Solothurner Filmtagen dauert er seit 55 Jahren.

Erstpublikation: Jahresbericht der 55. Solothurner Filmtage, im Juni 2020

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